Rede von Oberbürgermeister Klaus Jensen
anlässlich der Gedenkfeier 2011 zur Reichspogromnacht am 9. November 1938
an der Erinnerungsstele an der alten Synagoge


Sehr geehrter Herr Botmann,
verehrte, liebe Mitglieder der Jüdischen Kultusgemeinde,
liebe Trierer Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Gedenkfeier zur ReichspogromnachtWir sind in dieser dunklen frühen Abendstunde des 9. November hier an der Erinnerungsstele am Standort der früheren jüdischen Synagoge zusammen gekommen, um der furchtbaren Ereignisse vor nunmehr 73 Jahren zu gedenken. Damals, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, der sogenannten Reichspogromnacht, wurden im damaligen Deutschen Reich, so auch in Trier, Tausende von jüdischen Einrichtungen verwüstet. In jener Nacht - und auch noch am nachfolgenden Tag - wüteten wohl organisierte SA-Horden meist in benachbarten Gemeinden oder Stadtteilen; sie schändeten Synagogen, indem sie die heiligen Thora-Rollen aus ihren Schreinen rissen und ins Feuer warfen und setzten – wann immer möglich – auch die Synagogen selbst in Brand. Jüdische Geschäfte wurden geplündert und der Inhalt sinnlos zerschlagen. Das gleiche geschah mit jüdischen Wohnhäusern und in jüdischen Wohnungen. Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verloren ihr Leben, wurden inhaftiert und oftmals in fürchterlicher Weise schikaniert. Wegen des vielen zerbrochenen Glases und Kristalls bei den Verwüstungen gaben die Nazis den Verbrechen zynisch den Namen „Kristallnacht“, eine Bezeichnung, die erst vor einigen Jahren durch das korrekte „Pogromnacht“ ersetzt wurde. Der 9. November 1938 markiert den Beginn der gezielten Verfolgung von Menschen jüdischen Glaubens im nationalsozialistischen Deutschland.

Das barbarische Treiben der SA-Horden wurde von der Nazi-Herrschaft als spontane Reaktion mit dem Tod eines deutschen Diplomaten in Paris legitimiert, der zwei Tage zuvor, am 7. November 1938, von einem polnischen Juden in Paris erschossen worden war. Hintergrund dieser Verzweiflungstat war die vorherige Vertreibung seiner jüdischen Eltern und Familie –wie aller übrigen ausländischen Juden- aus Deutschland. Den Nationalsozialisten aber bot der Tod  des deutschen Diplomaten nur ein willkommener Anlass zur Vergeltung und systematischen Umsetzung der seit Hitlers „Mein Kampf“ unmissverständlich proklamierten Ausgrenzung, Ausschaltung und späteren Vernichtung der Juden.
Nach den ersten antijüdischen Terroraktionen des 9. November, die für Kundige keineswegs überraschend kamen, gingen die Entrechtung und Verfolgungen der Juden immer weiter. Die sogenannte Arisierung ergriff auch das letzte Geschäft und Unternehmen. Man drängte die Juden verstärkt zur Auswanderung, stellte ihnen aber auf der anderen Seite immer wieder neue und höhere Hürden. Zuletzt durften sie nur innerhalb weniger Stunden an wenigen Orten gegen Einkaufskarten Lebensmittel erwerben, waren schon länger vom Gebrauch von Kraftwagen und Öffentlichen Verkehrsmitteln, Radio- und Postempfang, ja sogar vom Arztbesuch ausgeschlossen und mussten schließlich ab 1941 den Gelben Stern tragen.

Am 16. Oktober 1941 begann die systematische Deportation der übrig gebliebenen Juden Richtung Osten: Eine Gedenkausstellung in der Konstantin-Basilika zeigt noch bis zum 17. November das ganze Elend dieser Transporte und das geschundene Leben der jüdischen Menschen im Ghetto von Lodz. Was das weitere Schicksal, auch der Trierer Juden, angeht, so läßt sich die schreckliche Bilanz mit Worten nicht mehr ausdrücken: Bis auf dreißig Personen kamen alle um, die Gesamtzahl der Opfer beläuft sich auf mehr als 600 aus Trier und dem Trierer Land.

An dieser Stele, die zur Erinnerung an die geschändete Synagoge und die deportierten Juden von der Stadt Trier 1988 errichtet wurde, gedenken wir gemeinsam mit den Repräsentanten und Mitgliedern der jüdischen Kultusgemeinde der Opfer des unfassbaren Grauens nationalsozialistischer Vernichtungspolitik, die mit der Pogromnacht heute vor 73 Jahren in ihrer Systematik in bis dahin nicht gekannter Deutlichkeit zum Ausdruck kam.

Dieses Gedenken ist für uns Demokraten eine bleibende Verantwortung. Es ist Ausdruck einer Erinnerungskultur, die uns sensibel aufhorchen lassen muss, wo immer rechtsextreme Töne vernehmbar, Anzeichen von Intoleranz, Rassismus oder jedweden totalitären Gebarens spürbar werden. Dieses Gedenken an das unfassbare Geschehen von damals mahnt uns, alltägliche Diskriminierungen nicht zu bagatellisieren oder als Lappalie einfach abzutun. Dieses Gedenken ist mehr als ein Ritual, das keinerlei Bezug mehr zu den Gegebenheiten unserer Tage habe.

Als Trierer Oberbürgermeister sage ich an dieser Stelle, an der uns auch die Sorge umtreibt, dass die Beschädigung der Erinnerungsstele vor wenigen Wochen womöglich einen antisemitischen Hintergrund haben könnte, deutlich: Wir Trierer Bürgerinnen und Bürger schämen uns, dass es in unserer Stadt Demonstrationen von Rechtsextremisten gibt, die ihre unerträglichen Parolen durch unsere Straßen oder auf unseren Plätzen grölen. Es sind Gott sei Dank nur wenige, aber immer noch zu viele. Solange es auch nur einen einzigen in unserer Stadt oder in unserem Land gibt, der glaubt, dass das barbarische NS-Regime auch sein Gutes gehabt habe, was übernommen werden könnte, müssen wir dagegen aufbegehren und diesem Wahn die schreckliche Wahrheit des Terrors und des millionenfachen Mordens gegenüberstellen.
Dass ausgerechnet heute, am 9.11.2011, die NPD gegen unseren erklärten Willen in der Innenstadt demonstrieren darf, erfüllt mich, erfüllt uns mit Wut und tiefer Enttäuschung. Wir haben den Antrag auf Genehmigung einer NPD – Demonstration von Seiten der Verwaltung abgelehnt, das Verwaltungsgericht Trier unsere konsequente Haltung bestätigt. Leider hat das Oberverwaltungsgericht in Koblenz vor wenigen Minuten der NPD erlaubt, doch zu demonstrieren. Eine schlimme Situation, die uns alle bedrückt.

Aber es gibt  auch viele ermutigende Zeichen eines gefestigten guten Miteinanders zwischen Juden und Nichtjuden in unserer Stadt. Für das gute Einvernehmen mit der jüdischen Kultusgemeinde danke ich ihren Repräsentanten. Es hat sich eine von Vertrauen gestärkte Zusammenarbeit entwickelt, die für uns alle ein großes Geschenk ist. Und ich möchte den Dank der Stadt allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern übermitteln, die Erinnerungs- und Begegnungsarbeit leisten und somit das Band für das wiedererlangte Miteinander stärken.

Ein Ereignis, das mich und viele Triererinnen und Trierer im September mit tiefer Freude erfüllt hat, war die Rückkehr der 95jährigen ehemaligen jüdischen Mitbürgerin Miriam Neumeier, die nach ihrer Vertreibung 1936 nach 75 Jahren erstmals wieder in ihre Geburtsstadt Trier zurückkehrte. Die bewegende individuelle Begegnung, ihr Schicksal und das ihrer Familie, hat uns die schrecklichen Ereignisse von damals noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Und alle, die Frau Neumeier begegnen durften, spürten den Auftrag, dass jeder von uns aufgerufen ist, aktiv dazu beizutragen, dass sich das, was heute vor 73 Jahren am 9. November 1938 in unvorstellbarem Ausmaß seinen Anfang nahm, nie mehr wiederholen darf.