trier-reporter – 23.03.2015

 

Die Tage im März sollten ihm den Abgang leicht gemacht haben. Denn der Satz des französischen Staatsmannes Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, wonach kein Abschied auf der Welt schwerer falle als jener von der Macht, trifft auf Klaus Jensen ohnehin nicht zu. Ihm, dem feinsinnigen Intellektuellen aus dem Ruhrpott, der sein sensibles Inneres stets mit einer gewissen Unnahbarkeit, einem Panzer aus geschliffener Ironie und dem stabilisierenden Korsett der programmatischen Etikette schützte, dürften die jüngsten Vorwürfe tief getroffen und geschmerzt haben. Ein Denkmal wolle er sich mit Triers großem Plan zur Stadtentwicklung setzen, und er geriere sich in despotischer Gutsherrenmanier. Kein Vorwurf kann absurder, keine Kritik unberechtigter sein. Jensen mag vieles sein, aber sicher kein Mitterand, kein Napoleon – nicht einmal ein Schröer. Jene wollten ihr Vermächtnis für die Nachwelt auch in Stein verewigt sehen. Jensen politisches Vermächtnis liegt dagegen in einer Idee. Der Idee einer offenen, toleranten, freien und bunten Stadt. Die inflationäre Einordnung politischer Wegstrecken als historisch verbietet sich wegen ihrer allzu großen Beliebigkeit. In Jensens Fall soll die Ausnahme die Regel bestätigen. Denn die Amtszeit des ersten sozialdemokratischen Oberbürgermeisters in der Geschichte Triers darf getrost so bezeichnet werden. Weil er diese Stadt vom provinziellen Mief und ihren dogmatischen erzkonservativen Fesseln befreite. Nicht immer während der vergangenen acht Jahre. Aber immer öfter. Das ist das große Erbe für seinen Nachfolger.

Eine kritische Würdigung von Eric Thielen

 

Und es war Sommer. Sommer 2014. Trier-West, sozialer Brennpunkt, Stiefkind der Stadt. Jensen hatte gerade das Millionen-Programm für den Stadtteil angekündigt, die offiziellen Sätze waren verklungen, Scheinwerfer und Kameras erloschen. Da stürmte er los. „Das war eine Sauerei heute Morgen“, raunzte er den Autor an. Gerade eben war ein Artikel erschienen, worin die Frage auftauchte, was von Jensen wohl bliebe nach acht Jahren. Zugegeben: Es war eine Provokation; sehr gut kam der Stadtchef nicht weg. Ein großes Interview folgte. Während der gemeinsamen zwei Stunden in seinem Büro lag stets die Gefahr in der Luft, Jensen könnte wegen der allzu bohrenden Fragen aufstehen und das Gespräch beenden. Doch er blieb sitzen, auch wenn er oft, sehr oft sogar, kräftig schlucken musste.

Darin lag eine seiner großen Stärken. Jensen wich nie aus, er stellte sich. Die typische Eigenschaft der meisten Politiker, viel zu reden, dabei aber wenig zu sagen, war sein Ding nie. Ungerechtigkeit allerdings wurmte ihn, fraß und nagte an ihm. Seine große Schwäche lag darin, diese Ungerechtigkeit während der letzten acht Jahre nie wirklich gekontert zu haben. Dafür hätte der Leisetreter Jensen weit aus sich heraus treten müssen. Doch dazu fehlte dem Asketen Jensen das Barockhafte, das Voluminöse, das Echauffierende. Vor seinem Amtsantritt kokettierte er damit, er gehe gerne dorthin, wo man ihm huldige. Dass darin ein gehöriger Schuss Selbstironie lag, verstehen viele bis heute nicht. Als der Bundespräsident in Trier weilte, musste Ehefrau und Frau Ministerpräsidentin den Ehemann geradezu aufs Gruppenbild zwingen. Der Mann mit der goldenen Amtskette stand lieber etwas abseits. Auch das ist Klaus Jensen.

Jensens Saat für seine Nachfolger

Zu seiner letzten Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch legte das Presseamt eine 20-seitige Bilanz vor. Eng beschrieben, detailliert aufgelistet, werden markante Punkte benannt. Ein Klaus-Jensen-Platz, ein Klaus-Jensen-Bau taucht darin nicht auf. Seine Erfolge lassen sich nicht auf einer Sightseeing-Tour mit der Handy-Kamera ablichten. Sie sind vielmehr ideeller Art, und dort, wo sie greifbar sind, gleichen sie einer Saat. Jensen säte, ernten werden seine Nachfolger. Etwa auf dem weiten Feld der Gesundheitswirtschaft, das er bereitete: Triers Zukunftsbranche in den nächsten Jahren. Oder auch darin, dass er nach Jahrzehnten des Stillstandes die Sanierung der städtischen Schulen und Wohnungen anging, dass er Trier-West über die Programme der „Sozialen Stadt“ und des „Stadtumbaus“ in den Fokus rückte, dass er den städtischen Haushalt durch die große Finanzkrise, als Trier 40 Millionen Euro an Gewerbesteuereinnahmen wegbrachen, steuerte. Und dass er sich stets und ständig in Berlin und in Mainz – auch als Vorsitzender des Städtetages – dafür stark machte, die Kommunen endlich mit den nötigen Finanzmitteln auszustatten, damit sie nicht als Fußabtreter der großen Politik verrotten, während die Berliner Politik sich für ihre schwarze Null feiern lässt. Die nämlich wurde auf den Gebeinen der verfaulenden Städte und Ortschaften errichtet.

Ja, er brachte die „Stadt am Fluss“ nicht so voran, wie er selbst sich das gewünscht hätte und wie viele es von ihm erwartet hatten. Weil ihm dazu das Geld fehlte. Und weil bei allem Einsatz der Tag auch für den Asketen Jensen nur 24 Stunden hat. Selbst Asketen müssen ab und an essen und schlafen. Aber auch, weil er Prioritäten setzen musste. „Muss ich mich zwischen der Sanierung einer Schule und einem Projekt am Fluss entscheiden, dann entscheide ich mich immer für die Schule.“ Daran ließ er nie einen Zweifel. Ebensowenig wie an seiner sozialdemokratischen Überzeugung. „Eine Stadt ist immer so viel wert, wie sie mit denen umgeht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, sagte er noch am Freitagabend bei seinem Abschied in den Viehmarkt-Thermen. Dort wurde ihm übrigens gehuldigt. Recht war ihm das nicht, lieb wohl auch nicht. Das war ihm anzumerken.

Nein, Klaus Jensen wird nicht als großer Baumeister in die Annalen dieser Stadt eingehen. Aber er wird als jener Oberbürgermeister in Erinnerung bleiben, der sich ohne Pause für eine Kultur der Toleranz einsetzte, der nicht müde wurde, vor Rassismus und dem wieder aufkeimenden Nationalismus zu warnen, der der Tendenz des Vergessens entschieden entgegentrat, der das Weltbürgerfrühstück initiierte, der zum SCHMIT-Z pilgerte, der den Bürgerhaushalt auf den Weg brachte. Jensens kosmopolitische Geisteshaltung, seine grundtiefe Überzeugung, dass Gutes nur auf Gutem gedeihen kann, war wie ein Frühling für diese Stadt. Seinem Nachfolger Wolfram Leibe (Interview) obliegt es, daraus einen Sommer zu machen. Die Weichen dafür sind gestellt.

Seine große Stärke war zugleich seine Schwäche

Dass Jensen am Ende oft müde und ausgelaugt wirkte, lag vornehmlich am zermürbenden Zustand im Stadtvorstand. Die Dauerfehde zwischen den beiden Dezernentinnen Kaes-Torchiani (CDU) und Birk (Grüne) setzte ihm mehr zu, als er das öffentlich eingestehen wollte. Der größte politische Fehler seiner Amtszeit lag sicher darin, seiner eigenen Partei das Ampel-Bündnis nicht kategorisch untersagt zu haben. Das bescherte ihm die Stellvertreterin Birk, deren Arbeit er in großen Teilen übernehmen musste und mit der er sich seit fünf Jahren herumschlägt, über die er sich quasi täglich ärgert. Die offene Feindschaft zwischen den beiden Dezernentinnen kam erschwerend hinzu. Mit der Retourkutsche der CDU in der Koalition mit den Grünen als späte Reaktion auf das Ampel-Bündnis muss sein Nachfolger nun leben. Eine harte Nuss für Leibe, die Jensen nicht mehr knacken wollte und konnte.

So geriet seine große Stärke in der Außendarstellung, die von Toleranz und Offenheit geprägt war, zu seiner großen Schwäche im politischen Binnenverhältnis des Rathauses. Jensen war nie ein Mann der lauten Töne. Er setzte auf Moderation, Dialog und Diskussion und vergaß dabei, dass seine eigenen Wertmaßstäbe nicht für alle gelten. Hin und wieder hätte er einfach mit der Faust auf den Tisch schlagen müssen. Doch auch dafür hätte der Leisetreter aus sich heraus treten müssen. Dann aber wäre Klaus Jensen nicht Klaus Jensen. Und die Stadt hätte keinen Frühling erlebt. Vieles ist möglich, aber eben doch nicht alles. Er war nicht perfekt. Aber gerade seine kleinen Fehler machten ihn so sympathisch. Denn wer möchte schon perfekte Menschen haben. Entschuldigen wolle er sich bei all jenen, gegen die er ungerecht gewesen sei, denen er nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt habe, sagte er am Freitag auch. Auch das ist Klaus Jensen.

Mitgegeben sei ihm ein Satz von Willy Brandt. „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ Das hat Klaus Jensen getan. Mit bestem Wissen und Gewissen – und mit unermüdlichem Einsatz für seine Stadt, die dem Kind des Ruhrpotts ans Herz gewachsen ist und die ihm dafür Dank schuldet. Der Leisetreter tritt ab. Bleibt nur noch zu sagen: Tschö, Klaus!

 

Quelle: trier-reporter "Klaus Jensen – Der Leisetreter tritt ab" von Eric Thielen – 23.03.2015